Hilfe, wir verdoofen!

30. Mai 2016 von

Wie verbringen die Deutschen ihre Freizeit? Das wollte das Statistische Bundesamt kürzlich mal wieder wissen. Unter dem Titel „Wie die Zeit vergeht“ untersuchten Wissenschaftler einen wichtigen Teil des Lebens unserer Gesellschaft und kamen zum Ergebnis, dass der Durchschnittsbürger nur 3 Stunden 45 Minuten pro Woche  liest. Dank einer bloggenden Viellesergemeinde  im Land, dürfte dieses statistische Ergebnis noch günstig ausfallen.  Der „wahre Durchschnittsbürger“ liest wahrscheinlich noch sehr, sehr viel weniger als 15 Stunden im Monat bzw. 180 Stunden im Jahr, was wiederum 7,5 Tage per anno ergibt. Die passionierte Nichtlesergemeinde im Land wird wohl selbst diese 7,5 Tage als zu viel betrachten. Sie verbringen mindestens die Hälfte ihrer freien Zeit vor dem Fernseher, denn von den durchschnittlich sechs Stunden Freizeit pro Tag, sitzt der brave Bürger gut drei Stunden plus X vor der Mattscheibe! Dabei machten noch vor wenigen Jahren richtige kulturelle Aktivitäten den Hauptteil der deutschen Freizeit aus.

Doch es geht noch schlimmer. Wenn der Deutsche wählen könnte, dann würde er sich lieber für das Lesen entscheiden, als seine Freizeit auf Versammlungen zu verbringen. Das tut er im Schnitt nämlich nur drei Minuten täglich. Hiervon sind Sportvereine, Gemeindesitzungen, Initiativen und andere gesellschaftlich enorm wichtige, zumeist ehrenamtliche Initiativen betroffen, die das Land ebenso am Laufen halten wie Wirtschaft und Bundespolitik. Ob die Befragten unter diese drei Minuten „Versammlungsfreizeit“ auch Demos vor Flüchtlingsheimen  und  organisierte Angriffe auf Menschen anderer Länder verstehen, lässt die Studie des Statistischen Bundesamtes offen. Das ein führender AfD´ler dem SWR sagte, er hätte keine Romane zuhause, mag also nicht verwundern.

Wenig überraschend ist auch nicht, dass der Buchhandel seit fünf Jahren in Folge Minusumsätze verzeichnet, wie das Institut für Konsumforschung GfK kürzlich vermeldete. Vor allem die 30 bis 50jährigen verzichten zunehmend auf Bücher. Auffallend sei aber, dass wenigstens die Senioren noch lesen. Mit fast sieben Stunden pro Woche liegen sie sehr weit vor den 18- bis 29-Jährigen, welche gerade Mal auf 1,5 Stunden pro Woche kommen! Wenn aber irgendwann diese jungen Leute alt geworden sind, frage ich mich, ob Autoren dann noch gebraucht werden, egal auf welchem Medium ihre Bücher veröffentlicht werden.

Besorgniserregend für uns Autoren und unsere Lesungen ist jedoch, dass alle Deutschen zunehmend weniger kulturelle Veranstaltungen besuchen. Egal wer, egal wie alt, die Trägheit des Körperteils mit den vier Buchstaben scheint von Jahr zu Jahr größer zu werden. Wenn überhaupt  noch Kultur „genossen“ wird, dann über den Fernseher. Waren es bei der vorherigen Erhebung (2001/2002) noch 62 Minuten Kulturgenuss ohne Fernsehen, reduzierte sich dieser auf 54 Minuten in den Jahren 2012/2013. Nun mag so mancher sagen, dass in über zehn Jahren schlappe acht Minuten weniger Kultur am Tag den Kohl auch nicht fett machen würden. Jedoch bedeutet das aufs Jahr gesehen pro Kopf zwei ganze Tage weniger kulturellen Input für jeden Einzelnen in der Nation. Wir brauchen also nur noch den Taschenrechner nehmen und hochrechnen, wann aus dem Land der belesenen Dichter und Denker endgültig eine Nation der ungebildeten Deppen und Doofen wird. Oder, wie sehen Sie das?

Anja Marschall vignette01

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