Der Mensch hinter dem Buch

Anja Marschall farbig

Was haben Sie eigentlich vor dem Bücherschreiben so gemacht, Frau Marschall?

Mein Leben kann man wohl als recht abwechslungsreich beschreiben. Da war die Ausbildung zur Erzieherin, doch irgendwie rief mich die weite Welt. Und so ging ich nach London, um Land und Leute kennenzulernen. Man sagt uns Hamburgern ja nach, dass wir britischer seien als die Briten selbst. 😉 Nach meinem Sprachenstudium dort zog es mich weiter nach Israel, wo ich als Apfelpflückerin in einem Kibbuz arbeitete. Ich war auch schon Zimmermädchen in einem Londoner Luxushotel und Kioskverkäuferin an den Hamburger Landungsbrücken. Doch irgendwann wird man dann ja doch älter. Und nach einigen Jahren in meinem erlernten Beruf begann ich ein Volkswirtschaftstudium an der HWP in Hamburg. Das Studium finanzierte ich mit dem Schreiben von Artikeln und mit einer Stelle als Pressereferentin einer großen Volkspartei. Tja, und dann kam die Arbeit als wissenschafdtliche Mitarbeiterin für europäische Arbeits- und Sozialprojekte. Und heute? Profitiere ich von diesem abwechslungsreichen Leben und kann nur jedem empfehlen, die Nase in den Wind zu halten.

Und das Schreiben?

Man sollte meinen, dass ich das Schreiben als Journalistin gewohnt bin, doch zwischen „Schreiben“ und „Schreiben“ finden sich große Unterschiede. Das Schreiben von Prosa ist ein emotional bewegendes Tun, so ganz anders als das Schreiben eines Artikels.

2012 erschien mein erstes Buch. Fortunas Schatten war das Ergebnis einiger Jahre Recherche, vieler Zweifel und Neuanfänge, größerer und kleinerer Überwindungen und am Ende jubilierenster Jubelausbrüche. Es folgten zwei Bücher um das skurile britische Ermittlerpaar Kate & Luna in Das Erbe von Tanston Hall und London Calling. Ich mag eigensinnige und manchmal irritierende Charaktere. Zwischenzeitlich übte ich mich auch als Übersetzerin, obwohl ich gar keine bin. Und so ist Das Geheimnis der Lady Audley eigentlich gar nicht mein Buch, sondern ein Experiment.  Es stand die Frage im Raum: Kann man einen über 150 Jahre alten Bestseller heute noch lesen, ohne Literaturwissenschaftler sein zu müssen oder an Satzlängen und Redundanzen zu sterben? Ich hatte die Chance, den Bestseller „Lady Audleys Secret“ von Mary E. Braddon (1861) übersetzen und bearbeiten zu dürfen. Also mit vorsichtiger Feder den Text für Leser heute lesbar zu machen. „Lady Audleys Secret“ ist ein wunderbares Zeugnis über die Sicht auf Mensch und Moral, Welt und Leben von damals. Und so wie es aussieht, ist das Experiment geglückt, denn 2018 folgt eine weitere Bearbeitung eines Braddon-Klassikers: „Aurora Floyd“.

Mit meiner Hamburger Krimireihe um die handfeste Rentnerin Lizzi Böttcher erschien eine Kurzreihe im Aufbau Verlag, die mir sehr viel Spaß machte. Lizzis letzter Tango und Lizzi und die schweren Jungs sind eine Hommage an das Altwerden und an meine Geburtsstadt Hamburg. Schlagfertig und anpackend muss die resolute Rentnerin Lizzi Böttcher einen Mörder finden, wenn sie ihr hübsches Appartement in der feinen Seniorenresidenz Hanseatica nicht verlieren will. Eine Detektivin wider Willen.

Derzeit jedoch lebe ich zumeist im 19. Jahrhundert. Genau gesagt um 1895, denn mein Kommissar Hauke Sötje, der mit „Fortunas Schatten“ 2012 erwachte – und sogar als Hörbuch vertont wurde -, erhielt 2016 vom Emons Verlag die Chance weiter in Schleswig-Holstein zu ermitteln. Und so kam Tod am Nord-Ostsee-Kanal auf den Markt, und damit das erste jemals erschienen Buch, dass in der Zeit des Baus des berühmten Nord-Ostsee-Kanals spielt. Es war ein Megaprojekt der damaligen Zeit, eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die sich vortrefflich mit einem Mord und einer Menge wilhelminischen Ambientes mischen ließ. Der Erfolg von Tod am Nord-Ostsee-Kanal war berauschend, so dass im März 2018 ein weiterer Fall für den schweigsamen Kommissar Hauke Sötje in die Buchhandlungen kommt. Verrat am Kaiser-Wihelm-Kanal spielt – eine Anekdote der Geschichte – ebenfalls an dem Ort, den wir heute Nord-Ostsee-Kanal nennen. Dieses Mal wird Kiel in das Zentrum großer Weltpolitik katapultiert und Hauke gerät in eine Falle. Ob er in diesem Band seine Sophie heiratet? …

Danke für das Gespräch. Und viel Sapß beim Schreiben.

Danke!