Als Charles Dickens mit dem Zug entgleiste
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Am Nachmittag des 9. Juni 1865 ratterte der 53-jährige Charles Dickens aus Frankreich kommend auf London zu. Er hatte kürzlich bereits mehrfach den Kanal überquert – im Januar, März, Ende April und Mai. Nichts könne ihn wirklich aus der Ruhe bringen, hieß es. In Folkestone stieg er in einen „Tidal“-Zug ein, dessen Fahrplan noch den Gezeiten folgt. Mit ihm im Erste-Klasse-Abteil saßen die 26-jährige Schauspielerin Ellen „Nelly“ Ternan und ihre Mutter. Als die Sprache auf seinen aktuellen Roman Unser gemeinsamer Freund kommt, wird die Konversation frostig, denn Nelly dient darin als Vorlage für die kapriziöse Bella Wilfer. Nelly überliefert später Dickens’ Worte: „Lasst uns an den Händen fassen und als Freunde sterben.“

Am 9. Juni 1865 sitzt Charles Dickens im Zug nach London. Dann fehlen auf einer Brücke die Gleise, der Zug stürzt ab. Dickens bleibt unverletzt, er hat ein anderes Problem: Im Zug ist sein größtes Geheimnis.
Plötzlich, es war noch nicht einmal Zeit für den Tee, entgleiste der Zug auf der Eisenbahnbrücke bei Staplehurst. Lok, Tender und Gepäckwagen rasten über die Schwellen und erreichten gerade noch die andere Seite, Dickens’ Waggon aber ist noch auf der Brücke, als diese einstürzt und die hinteren Wagen mit sich in den Fluss Beult reißt. Eine Kette von Fehlern sei der Grund für dsa Unglück gewesen, hieß es später. Falsche Abfahrtszeiten und Fehldistanzen bei Telegrafenmasten ließen den Zug mit zu hohem Tempo in eine Baustelle rasen. Zehn Tote, 40 Verletzte.

Der gichtkranke Dickens kletterte unverletzt durchs ein Fenster hinaus und half anderen, wie es zeitgenössische Fotografien beweisen. Er, mit Brandy und einem Hut voll Wasser, geht umher und hilft.

Nelly Ternan wurde nur leicht verletzt. Und hastig entfernt, bevor die Presse an der Unfallstelle eintraf! Dickens, der berühmteste Schriftsteller der Welt, behauptet nämlich stur nur eine platonische Freundschaft mit Nelly zu unterhalten. Später aber stellte sich heraus, dass die beiden einen Sohn gehabt haben sollen.
Unser gemeinsamer Freund wird Charles Dickens letzter vollendeter Roman – eine Geschichte voller falscher Identitäten und Lügen.



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